Kapitel 1: KULTUR




    1.1 Persönlicher Bezug und Problemstellung


    Als ich an einem trüben Morgen im Frühjahr 1994 das Anmeldeformular für ein Auslandsstudium in Tromsø / Nordnorwegen abschickte, tat ich das vor allem aufgrund meines Interesses für die Saamen. Ich weiss gar nicht mehr, was es speziell war, das mich interessierte. Ich denke, es war das besonders bei Ethnologen verbreitete Interesse für das Andere, für das Exotische. Da lebt innerhalb Europas eine Bevölkerungsgruppe mit einer seminomadischen Rentierzuchtkultur, eigenwilligen Kehlkopf-Gesangsformen und einer Sprache, die sich völlig von allem, das ich kannte, unterschied. Nicht umsonst sind die Saamen die einzige ethnische Gruppe in Europa, die sich nach dem traditionellen Fachverständnis für einen Platz in der Ethnologie qualifiziert. Und das Institut an der Universität Tromsø hiess auch noch "Institutt for sosialantropologi og samiske studier" (Institut für Sozialanthropologie und saamische Studien).

    Diese Arbeit ist ein Spätprodukt meines Aufenthaltes an der nördlichsten Universität der Welt. Sie handelt unter anderem von einem persönlichen Perspektivenwechsel. Während ich mich vor Tromsø mehr getreu der kulturanthropologischen Richtung im Fach für "exotische" kulturelle Phänomene wie Joik-Gesänge und Bärenzeremonie interessierte, war es danach eher die sozialanthropologisch orientierte Problematik Minderheit-Mehrheit. Das lag zum einen an der thematischen Ausrichtung des Instituts, zum anderen an den Debatten in der norwegischen Öffentlichkeit. Während der ganzen Zeit meines Aufenthalts wurde heftig diskutiert, ob die Saamen Anspruch auf Sonderrechte über Land und Wasser im nördlichsten Landesteil, der Finnmark, haben. Erst vor kurzem war ein saamisches Sprachgesetz verabschiedet worden, das die Position der saamischen Sprache stärken sollte und in sechs Gemeinden Zweisprachigkeit eingeführt hatte. Auch hier wurde heftig über das Für und Wider diskutiert. Ich war begeistert: Hier erlebte ich direkt mit, wovon ich bisher nur gelesen hatte.

    Die Saamen gelten als Urbevölkerung in weiten Gebieten nördlich des Polarkreises in Norwegen, Schweden, Finnland und auf der Kola-Halbinsel in Nordwestrussland. Sie sind wie die Indianer, Maori oder Aboriginees in der Vergangenheit von einer eingewanderten Gesellschaft kolonisiert, ihres Landes, ihrer Sprache und ihres Selbstwertgefühls beraubt worden. In den letzten Jahrzehnten haben die Saamen ihr Selbstbewusstsein wieder gewonnen und erreicht, dass die jeweiligen Staaten Massnahmen in die Wege leiten, um das historische Unrecht wieder gut zu machen.

    An der Uni und in der Stadt war das Saamische überall sichtbar. Vor 30 Jahren noch wäre das unmöglich gewesen. Um in das Hauptgebäude zu gelangen, musste ich erst ein Zelt im traditionellen Lavvo-Stil der Rentiersaamen passieren, in dem junge Saamen der saamischen Studentenorganisation, auf Rentierfellen sitzend traditionell über einer Feuerstelle gebrauten Kaffee servierten. Hinweisschilder in der Uni waren in Norwegisch und Saamisch angeschrieben. In der Buchhandlung stand ein grosses Regal mit Literatur über Saamen, darunter auch Sprachkurse und viele Bücher in saamischer Sprache. In Vorlesungen und Seminaren sass ich zusammen mit mehreren saamischen Studentinnen und Studenten. Auf ihren Mappen sah ich Aufkleber mit der saamischen Flagge, manche von ihnen trugen gar Pullis oder Schals in den saamischen Farben Blau, Gelb, Rot und Grün. Bei ihnen zu Hause sah ich manche in traditionellen Fellschuhen herum laufen und saamische Ornamentik von den Regalen hängen. Im CD-Laden konnte ich auf Entdeckungstour gehen, denn von saamischen Musikern gab es viele spannende Projekte, welche traditionelle Musik neu aufpeppten.

    Wie auch andere hatte ich den Eindruck, dass die in der Uni politisch aktiven Saamen gerne unter sich bleiben, unter anderem auch an ihrem alldonnerstäglichen Stammtisch in der Beiz Prelaten. Kontakte zu knüpfen war nicht einfach. Allerdings hatte ich mit vielen zu tun, die Saamen waren, von denen ich es nicht wusste. Eine Mitstudentin z.B. hatte sich erst als Finnin vorgestellt und outete sich später als Saamin. Sechs Monate, nachdem ich eingezogen war, erfuhr ich, dass einer meiner WG-Mitbewohner ein Saame war. Es war nicht schwierig zu spüren, dass das Verhältnis zwischen Norwegern und Saamen nicht das Beste ist. Da war dieses Abstandhalten. Da war dieses Desinteresse von norwegischer Seite, das uns ausländische Studierende so irritierte. Wir hatten den Eindruck, dass wir - von ein paar südnorwegischen Anthropologiestudenten abgesehen - die Einzigen waren, die sich für Saamen interessierten. Als einige von uns einen saamischen Sprachkurs organisierten, waren wir überrascht, dass sich auf unsere Aushänge hin kein einziger norwegischer Interessent meldete. Irritiert hat uns auch das Klima in der Ethnologie. Unter den Studenten forschten ausschliesslich Saamen über saamische Themen. Es hätte einem Tabubruch geglichen, hätte sich ein Norweger daran gewagt. Das saamische Milieu hatte genug von Norwegern, die über sie forschten. Sie wollten selber die Informationen über sich kontrollieren, wurde uns gesagt.

    Ich wurde auch bekannt mit der finnisch sprechenden Minderheit, unter anderem in einem Kurs über finnische Landeskunde. Auch hier gab es keine Norweger und ich war - zusammen mit einem skurrilen Norwegisch, Finnisch sowie Russisch sprechenden und Saamisch lernenden Amerikaner - der Einzige ohne finnischen Background. Einige der Studentinnen bezeichneten sich als Kvenen, als Angehörige einer eigenen Bevölkerungsgruppe. Kvenen sind Nachkommen von Finnen, die zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert in Nordnorwegen einwanderten. Manche von ihnen legten Wert darauf, nicht als Finnen bezeichnet zu werden, sondern als Mitglieder einer "eigenen Kultur". Anderen im Kurs war diese Identitätsfrage egal. Sie meinten "Wir sind alle eine Mischung" und verwiesen auf die Geschichte Nordnorwegens, auf "Det tre stammers møte", dem Treffen der drei Stämme der Norweger, Saamen und Finnen.

    Ich begann mich näher für nordnorwegische Geschichte zu interessieren, besonders für die multikulturelle Vergangenheit, belegte einen Kurs, durchstöberte Bibliotheken und Buchhandlungen und besuchte Museen. Nach meiner Rückkehr in die Schweiz verfolgte ich dieses Interesse eine Zeit lang weiter, ebenso die Debatten über saamische Ethnopolitik, indem ich mir die Regionalzeitung Nordlys abonnierte und mich bei späteren Besuchen in Skandinavien mit der Literatur zum Thema up-to-date hielt.

    Mein Thema "Wessen Kultur bewahren..." entspringt den Debatten um die Stellung des Saamischen in der norwegischen Gesellschaft. Immer mehr wurde mir klar, dass vieles nicht so eindeutig ist, wie es Ethnopolitiker, Indigenen-Aktivisten und manche Medienleute darstellen. Ich will damit nicht sagen, dass die Forderungen der Ethnopolitiker nicht berechtigt sind. Das Denken in kulturellen und ethnischen Kategorien ist es, das ich hinterfragen möchte. Was heisst es zum Beispiel, wenn man das Selbstbestimmungsrecht für die Saamen fordert? Heisst das, sie sollen einen eigenen Staat gründen? Sollen sie ein autonomes Gebiet bekommen? Welches? Was ist mit den Norwegern und Kvenen, die dort seit Generationen wohnen? Wer ist oder wer darf Saame sein und wer nicht? Was ist mit den vielen Mischlingen, die eigentlich die Mehrheit sind? Wozu zählt man sie? Wer entscheidet das? Erstattet man nicht eine Ungerechtigkeit mit der anderen? Wird so ein Denken in ethnischen oder gar rassischen Kategorien salonfähig? Welche Saamen wünschen sich das überhaupt? Und was bedeutet die häufig geäusserte Forderung, die seit 1988 auch in der norwegischen Verfassung zu finden ist, die Saamen sollten ihre Kultur bewahren und entwickeln dürfen? Welche und wessen Kultur? Gehört saamischer Hip-Hop genauso dazu wie der traditionelle Joik-Gesang? Wer darf den Inhalt von saamischer Kultur definieren? Das ist nämlich längst nicht eindeutig. Unter den Saamen gibt es verschiedene Gruppen mit verschiedenen Interessen. Wie lassen sie sich unter einen Hut bringen? Ist "das Saamische" die richtige Einheit dafür?

    Ich spürte grosse Verbitterung unter vielen Saamen, dass bei den Nicht-Saamen nur die Rentierzucht und die damit verbundene Lebensform als eigentlich saamisch angesehen werden. Dabei sind nur etwa acht Prozent der Saamen in Norwegen mit der Rentierzucht beschäftigt. Meersaamen fühlten sich lange ausgeschlossen und meinten, die Diskussion um Sonderrechte drehe sich nur um die (wohlhabenderen) Rentiersaamen. Repräsentativ für die Pro-Rentier-Haltung war zum Beispiel ein Ethnologe einer Basler Nachbaruniversität, bei dem ich einen Semesterkurs mit dem Titel "Zirkumpolare Kulturen I: Die Saamen" besucht hatte. Nach seinen einführenden Dias, die ausschliesslich Saamen mit Rentieren zeigten, fragte ich ihn, weshalb er keine Dias von Saamen an der Küste zeige oder von Saamen in der Stadt, an der Universität. Er sagte: "Das sind keine richtigen Saamen mehr. Sie sind bereits akkulturiert." Mari Boine ist die bekannteste saamische Musikerin und inzwischen weltweit beliebt. Sie hat viel Kritik aus eigenen Reihen ertragen müssen. Ihre Musik sei nicht mehr saamisch, sie sei zu modern, klinge teils indianisch. In einem Gespräch mit mir sagte sie, solche Äusserungen machten sie traurig. Wir lebten doch nicht mehr 18. Jahrhundert (siehe Interview).

    Ich wurde aufmerksam, wie konservativ viele indigenen Bewegungen eigentlich sind, wenn sie sich immer wieder auf alte Traditionen berufen. Wie statisch ihr Bild von der eigenen Gesellschaft ist, wenn sie sich so kritisch gegenüber Neuem und Innovativem äussern. Mit der Zeit hatte ich zunehmend Vorbehalte gegenüber dieser ethno-nationalistischen Strategie und dem damit verbundenen Denkmuster, sich einen Platz in der norwegischen Gesellschaft zu erkämpfen.

    In Gesprächen, Zeitungsartikeln und Monografien (u.a. Stordahl 1994) erfuhr ich, dass viele Saamen sich in der Rhetorik der Ethnopolitiker nicht wiederfinden. Sie stören sich an der scharfen Grenzziehung, betrachten die Aktivitäten für das Saamische "übertrieben", befürchten, es schade dem Zusammenleben mit Norwegern und Kvenern. Umso irritierter reagierte ich auf die scheinbar kritiklose Unterstützung, welche diese indigenen Bewegungen unter Ethnologen geniessen. Kurz nach meiner Rückkehr in die Schweiz hatte die IWGIA-Lokalgruppe Basel eine Vorlesungsreihe über indigene Völker organisiert. Was man da von Ethnologen und Vertretern von Solidaritätsorganisation zu hören bekam, erinnerte teilweise an Äusserungen wie "Deutschland den Deutschen", nur in umgekehrter Form ("Kurdistan den Kurden"). Auch den Organisatoren waren manche Vorträge peinlich.

    Gleichzeitig kam ich mit viel anregender norwegischer anthropologischer Fachliteratur in Kontakt. Es waren besonders die Publikationen von Thomas Hylland Eriksen (1994), später von Fredrik Barth (1969, 1994) und Unni Wikan (1995), die mich durch ihre neuen (und teils provokativen) Perspektiven auf Kultur, Ethnizität und Nationalismus ansprachen.

    In dieser Arbeit möchte ich das (vorläufige) Ergebnis eines Erkenntnisprozesses darstellen, der zum Schluss führte, dass ein Grossteil der Probleme zwischen Minderheit und Mehrheit auf einem wenig mit der Realität übereinstimmenden Denkmuster beruht. Es ist das Denken über die Welt als eine Ansammlung verschiedener in sich geschlossener Kulturen mit je eigener Sprache, Geschichte und Tradition. Es ist das Denken, welche Menschen in erster Linie über ihre Herkunft definiert und sie als Träger und als Repräsentant ihrer Kultur ansieht, mit der wiederum gewisse Stereotypen verbunden sind. Ein Denken mit Wurzeln im Nationalismus und Imperialismus, das - und das ist das Zentrale - heutzutage beliebter ist denn je: in ethnopolitischen Bewegungen, in der Ausländer- und Minderheitenpolitik vieler Staaten und im ausländer- und minderheitenfreundlichen Multi-Kulti-Milieu.




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